Besonders seit der Auflösung der Sowjetunion und des Warschauer Pakts 
hatten die USA jede Möglichkeit, die Führung einer Bewegung für die weltweite
Abrüstung vor allem von Kernwaffen zu übernehmen; eine Bewegung, der sich
die zweite große Nuklearmacht Russland nur zu gerne angeschlossen hätte.
Durch die Umlenkung von Ressourcen von destruktiven zu konstruktiven
Zwecken hätten die USA zur treibenden Kraft einer Bewegung zum Kampf gegen
Analphabetismus und Krankheit sowie zur Schaffung einer verbesserten Infra-
struktur etwa mittels neuer Bewässerungskonzepte werden können.
Die USA hätten so zur Lösung lokaler Konflikte und zum Näherrücken einer
friedlichen Welt beitragen können.
Doch die Voraussetzungen hierfür wäre eine radikale Umstrukturierung der
derzeitigen US-Ökonomie gewesen. Statt Ingenieure und Wissenschaftler zu
beauftragen, herauszufinden, wie sich ein so dramatischer Wandel bewerk-
stelligen ließe, sind die politischen Führer lieber den billigen Sirenengesängen
redegewandter Neocons gefolgt, die immer neue Vorwände für die Beibehaltung
und Erweiterung der zerstörerischen heutigen „Ordnung“ finden.
Der Ausdruck „Neocons“ ergibt nur dann wirklich Sinn, wenn man damit das
neue betrügerische Spiel meint, das die Hirne der politischen Führungskaste in
den USA vernebelt hat.
Die Neocons verdanken ihren Aufstieg ihrer Fähigkeit, eine klare Weltsicht zu
propagieren, die den Militärisch-Industriellen Komplex, die äußerst einflussreiche
Israel-Lobby und einen großen Sektor der „liberalen“ Meinungsführer (vor allem
in der Medien- und Unterhaltungsindustrie) zufriedenstellt. Sie alle akzeptieren
nur zu gern die weltweite Verteidigung der „Menschenrechte“ als legitimen
Grund für US-Interventionen in anderen Ländern. Selbst als die Neocons sich
durch desaströse Interventionen wie im Irak diskreditiert zu haben schienen,
blieb diese Ideologie vorherrschend. Sie verleiht der Militarisierung der US-
Gesellschaft durch den MIK, die ansonsten nicht zuletzt auf bürokratischer
Trägheit beruht, einen höheren Zweck.
Die Idee, die weltweite Führungsrolle der USA sei „notwendig“ zur Erfüllung der
einzigartigen globalen „Verantwortung“ dieser Nation, liefert die Rechtfertigung
für die endlose Steigerung der sogenannen „Verteidigungs“-Ausgaben, die in
Wirklichkeit der Aufrechterhaltung der Fähigkeit zur militärischen Intervention
überall auf der Welt dienen.
In Ermangelung eines kommunistischen Schreckgespenstes sagt man nun, wir
müssten unsere amerikanischen „Interessen“ und „Werte“ fördern, wobei die
beiden Begriffe als komplementär, wenn nicht sogar als identisch betrachtet
werden, kreisen doch beide stark um die Idee der „freien Märkte“.
In der von Rüstungskontrakten, Al-PAC und der Angst vor der Niederlage bei der
nächsten Wahl dominierten Treibhausatmosphäre des außenpolitischen Esta-
blishments in Washington liefert diese neo-konservative Formel einen simplen
Weg, sowohl an die Wahlkampfspender als auch an den ungebildetsten Teil der
Wählerschaft zu appellieren.
Der Gedanke, die USA seien eine „Ausnahme“, eine Nation, die über allen
anderen (und über dem Recht) stehe, ist ein Echo der traditionellen, quasi-
religiösen Auffassung von den USA als „Gottes eigenem Land“.
Quelle: Diana Johnstone: Die Chaos Königin - Hillary Clinton und die Außenpolitik
 der selbsternannten Weltmacht”, 2016, Westend-Verlag GmbH., Frankfurt/Main, S.37ff.