Fürchterliche Szenen in den Redaktionsräumen
Am späten Vormittag waren offenbar drei Männer in einem schwarzen Citroën C3
zur Redaktion von "Charlie Hebdo" in der Rue Nicolas Appert im elften
Arrondissement von Paris vorgefahren. Mindestens zwei von ihnen drangen
bewaffnet mit Kalaschnikows in die Redaktionsräume der Satirezeitung ein. Dort
hielten die Mitarbeiter gerade eine Konferenz ab.
Augenzeugen sprachen von einem "Gemetzel" und einem "Blutbad". Im
Kugelhagel starb der langjährige Chef der Satire-Zeitung Charb ebenso wie drei
seiner Kollegen, die Zeichner Wolinski, Cabu und Tignous. Auch ein Gast sowie
ein Polizist, der zur Bewachung des "Charlie Hebdo"-Chefs abgestellt war, wurden
erschossen. Ein Mitarbeiter überlebte versteckt unter einem Tisch.
Ein Journalist, der in Räumen gegenüber von "Charlie Hebdo" arbeitet, berichtete
von fürchterlichen Szenen: "Leichen am Boden, Blutlachen, sehr schwer
Verletzte". "Sie waren vermummt, mit Kalaschnikow oder M16", erzählte ein
Nachbar schockiert. Die Staatsanwaltschaft bestätigte, dass die Täter "Allah ist
groß" riefen und vorgaben, sie würden "den Propheten rächen". Zeugen
berichteten, die Täter hätten perfekt und akzentfrei Französisch gesprochen.
Dann flüchteten die Täter, die schwarze Kleidung, Sturmmasken und Westen
trugen. Auf der Straße lieferten sie sich einen Schusswechsel mit herbeigeeilten
Polizisten, bevor sie einen schwarzen Citroën C3 stiegen.
Während der Fahrt vom 11. Arrondissement zwischen dem Platz der Bastille und
dem Platz der Republik stiegen sie noch einmal aus ihrem Auto aus und töteten
einen Polizisten per Kopfschuss, wie auf einem Video zu sehen ist. In der Nähe der
Porte de Pantin in Richtung nordöstlichem Stadtrand überfuhren sie einen
Passanten und überfielen einen Autofahrer. Mit dessen Wagen setzen sie die Flucht
Richtung Norden fort, dann verlor sich die Spur.
"Ein Schock für Frankreich"
Frankreichs Präsident François Hollande bezeichnete den Angriff als Terror-
anschlag. Es seien in den vergangenen Wochen bereits mehrere Anschläge
vereitelt worden. Die "außergewöhnlich barbarische Tat" sei ein "Schock für
Frankreich", sagte Hollande, nachdem er sich am Tatort ein Bild der Lage gemacht
hatte.
Sicherheitsexperten bewerteten das Vorgehen der Täter als sehr professionell, was
auf eine Ausbildung schließen lassen könnte. "Man sieht es ganz deutlich an der
Art und Weise, wie sie ihre Waffen halten, wie sie völlig ruhig und kalt vorgehen",
zitiert die französische Agentur AFP einen Polizisten. Experten wiesen zudem
darauf hin, dass die Täter nicht wild um sich schossen. Auch hätten sie ruhig
reagiert, als sie sich zunächst zur falschen Adresse gefahren seien. Sie hätten nicht
den Kopf verloren, sondern hätten sich zum Sitz der Redaktion begeben.
Seit Monaten sorgen Terrordrohungen in Frankreich für Sorgen. Die
Sicherheitsdienste hatten gewarnt, dass die Frage nicht mehr sei, ob ein Anschlag
stattfinde, sondern nur noch wann und wo.
Radikalisierte Islamistenszene
Nach Einschätzung des Dschihadismusforschers Asiem el Difraoui radikalisierte
sich die Islamistenszene in Frankreich in den vergangenen Monaten spürbar. "Die
französischen Sicherheitsbehörden sind schon länger alarmiert", sagte der Experte,
der an einer Aufklärungskampagne der Pariser Regierung mitarbeitet, im Gespräch
mit der Online-Ausgabe der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". "Angesichts
konkreter Drohungen der Terrorgruppe Islamischer Staat und dem Aufruf vom
September, überall Anschläge zu verüben, war den Behörden klar, dass die
Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass sie nicht verschont bleiben."
Vor Weihnachten hatten drei Einzeltäter für Angst und Schrecken in Frankreich
gesorgt. In Dijon war ein psychisch kranker Mann unter "Allah-ist-groß"-Rufen an
fünf verschiedenen Stellen in Passantengruppen gefahren und hatte 13 Menschen
verletzt. Im zentralfranzösischen Joué-lès-Tours erschossen Polizisten einen Mann,
der mit "Allahu-Akbar"-Rufen ein Kommissariat gestürmt und mit einem Messer
drei Beamte verletzt hatte. In Nantes starb ein Mensch, als ein Mann mit einem
Kleinlaster in einen Glühweinstand fuhr.
Bereits früher Ziel eines Angriffs
Die Satirezeitung "Charlie Hebdo" hatte in der Vergangenheit mehrmals mit
provokanten Mohammed-Karikaturen für Schlagzeilen gesorgt. Das Blatt hatte im
September 2012 mit der Veröffentlichung teils derber Mohammed-Karikaturen
wütende Reaktionen von Muslimen ausgelöst, die Abbildungen des Religions-
gründers ablehnen.
Nach der Veröffentlichung einer "Scharia"-Sonderausgabe mit einem "Chef-
redakteur Mohammed" waren bereits im November 2011 die Redaktionsräume in
Flammen aufgegangen. Wegen mehrfacher Morddrohungen stand Chefredakteur
Charb schon länger unter Polizeischutz.
Quelle und gesamter Artikel: http://www.tagesschau.de/ausland/frankreich-anschlag-101.html