Um sich jeglicher Kontrolle zu entziehen, hat Fidel, der über allen Gesetzen
steht, schon früh, in den 60er-Jahren, ein Sonderkonto angelegt: die berüchtig-
te reserva del Comandante. Auf dieses Sonderkonto fließen Mittel, die aus
den staatseigenen Unternehmen kommen.
Niemand prüft die Zahlen. Auf das Konto hat ausschließlich der Comandante
Zugriff, die Verwendung dieser Mittel liegt einzig und allein in seinem Ermes-
sen. Diese Geldreserve ist sozusagen heilig und intocable (unberührbar).
Fidel rechtfertigt das mit den Erfordernissen der Revolution, das heißt: mit der
Gefahr eines imperialistischen Angriffs, der diese unorthodoxe Methode der
fianziellen Verwaltung notwendig mache. In Wirklichkeit dient die “Reserve”
seinen privaten Zwecken ebenso wie den öffentlichen. Es ist sein Taschengeld,
das ihm erlaubt zu leben wie ein Fürst, ohne je auf die Ausgaben zu achten.
Dieses Geld erlaubt ihm auch, sich wie ein großer Herr aufzuführen, wenn er
über “seine” Insel fährt, um “sein” Land zu besuchen. Denn er kann jederzeit
in die Schatzkiste greifen, um eine Station zur Gesundheitsvorsorge, eine
Schule oder eine Straße bauen zu lassen oder einer Gemeinde ein Auto zu
schenken (zur “reserva” gehört auch ein Fuhrpark), ohne über ein Ministerium
oder eine Verwaltungsabteilung zu gehen. Der Wohltäter muss sich lediglich
seinem Adjutanten zuwenden und ihm eine bestimmte Summe nennen, damit
dieses oder jenes Projekt Wirklichkeit werden und Fidel sich als Wundertäter
präsentieren kann. Anders gesagt: als Populist. (S.227ff.*)
Juan Sánchez weist aber auch darauf hin, dass der Revolutionsführer nicht die
gleiche Beziehung zu Geld hat wie die Neureichen, wie etwa ein Silvio Ber-
lusconi oder ein Carlos Menem, der ehemalige Präsident Argentiniens. Denn
diese suchen den Luxus, streben nach Konsum und unmittelbaren Vergnügen.
Der nüchterne Fidel Castro hingegen ist einem gewissen Komfort zwar nicht
abgeneigt. So ist auch er der (heimliche) Besitzer einer Dreißig-Meter-Jacht.
Aber er hat gemäß Sánchez nicht das Bedürfnis, seine Jacht durch eine moder-
nere, auffälligere zu ersetzen. Reichtum ist für ihn ein Machtinstrument, ein
Mittel zu überleben, er dient seinem persönlichen Schutz: “Ich kenne seine
spanische Bauernmentalität, ich bin überzeugt, er hat Maßnahmen getroffen
und für seine Familie gesorgt (wie es alle Diktatoren tun), für den Fall, dass
sie aus Kuba flüchten müsste, zum Beispiel ins spanische Galizien, die Heimat
seines Vaters.” (S.228ff.*)
Die “reserva” ist übrigens kein Staatsgeheimnis, sie wird von ganz oben als
ein Instrument der Revolution angesehen, nicht als ein Tabu. Ein Geheimnis
ist aber die Höhe des Kontostands ...
Sánchez schreibt dazu: “Seit den 60er-Jahren, also seitdem das Konto exis-
tiert, wird es immer wieder aufgefüllt, sobald Fidel etwas entnimmt. Als Kuba
abhängig war von den sowjetischen Subventionen, hörte man ihm zu Chomy,
seinem Privatsekretär, oft sagen, er solle doch x Millionen Dollar (Fidel
rechnet in Millionen) abzweigen für die “Reserve”. Auch über das sowjetische
Öl verfügte Castro, wie es ihm richtig erschien. Mal gab er Nicaragua davon
etwas, mal verkaufte er etwas davon auf dem Schwarzmarkt, um liquide zu
sein. Ich bin überzeugt davon, dass es mit dem venezuolanischen Öl von Hugo
Chávez zum Freundschaftspreis nicht anders gelaufen ist.
Das Sonderkonto wurde (...) aus diversen Quellen gespeist. Da wären zunächst
die Unternehmen, die der Aufsicht des Staatsrats unterstehen, wie es 2006 das
Forbes Magazine darstellte, darunter die Corporación Cimex (Banken, Bau-
unternehmen, Autoverleih etc.), Cubales (ein Unternehmen, das 2009 aufge-
löst wurde und das an Botschaften und ausländische Unternehmen Arbeits-
kräfte und Wohnungen vermittelt hatte) oder auch der Palacio de venciones,
ein multifunktionales Kongressgebäude, das 1979 zum sechsten Gipfeltreffen
der Bewegung der Blockfreien Staaten eingeweiht und von Castros Vertrau-
tem Abraham Maciques geleitet wurde. (....)
Um die “reserva” zu speisen, setzte Fidel alles ein. Gelegentlich führt er sich
auf wie der Chef eines Unternehmens. So geht etwa zu Lasten des Kontos der
Flotte in Caleta del Rosario, seiner privaten Marina, wo außer seiner Jacht
“Aquarama II” und anderen, kleineren Booten von ihm noch zwei Fischer-
boote liegen, die “Purrial de Vicana I und II”, deren Kapitän Emilio heißt. Der
Fang dieser Fischerboote wird in die Kühlhallen des Hafens von Havanna und
die Einheit 160 transportiert, der logistischen Basisstation von Fidels Eskorte,
ist aber nicht zum Verzehr durch die Familie Castros bestimmt, die keinen
tiefgekühlten Fisch isst. Er wird vielmehr auf einem der größten Lebensmittel-
märkte in Havanna verkauft, dem “Super Mercado” an der Ecke 3ra Avenida y
Calle 70 im Stadtteil Miramar.
Im Sinne von “Kleinvieh macht auch Mist” gibt es noch eine Truthahnfarm
und eine Schafzucht, die eben diesem Zwecke dienen: die “reserva” aufzu-
stocken. Dazu könnte man auch die Geschäfte zählen, die die Kubaner währ-
end des Angolakriegs auf dem “kandonga” betrieben haben, einem berüch-
tigten Schwarzmarkt in Luanda, auf dem sie fünfzehn Jahre lang sehr aktiv
waren. Auch das diente dazu, die “Reserve des Comandante” zu speisen.
(S.229ff.*)
Das war aber nicht alles, laut seinem ehemaligen Leibwächter bereicherte sich
der kubanische “Revolutionsführer”  auch an illegalen Aktionen wie Dia-
manten- oder Drogenschmuggel.
Sánchez vergleicht seinen “Ex-Chef” dabei mit einem Karibikpiraten:      
“In Geschäftsdingen hat Fidel ein wenig die Mentalität eines Karibikpiraten.
Als Gesetzloser in Grauzonen navigieren und Schmuggel betreiben - damit hat
er keine Probleme, schließlich erfordern die Umstände das so, und sein Wider-
stand gegen das US-amerikanische Embargo rechtfertigt aus seiner Sicht
ohnehin alles. Im Übrigen hatte er, anders als er selbst stets behauptete, immer
Kenntnis von allen illegalen Aktivitäten (den Drogenhandel in den 80er-
Jahren eingeschlossen), die von Patricio de la Guardia, Arnaldo Ochoa und
ihrem Departamento MC (Moneda Convertible ) ausgingen, die sich jede
Möglichkeit zunutze machten, Devisen für die Revolution zu beschaffen. Fidel
war ebenfalls über die parallelen Aktivitäten des Innenministers José Abrantes
im Bilde, der in geheimen Fabriken von kubanischen Gefangenen gefälschte
Levi’s Jeans herstellen ließ und gepanschtem Chivas Regal handelte, den er
auf dem Schwarzmarkt in Panama verkaufte - all das mit immer demselben
Ziel: Geld in die “reserva del Comandante” zu spülen. (...)
Fidels größter Coup war vielleicht im Jahr 1980 die zeitweilige Wiederauf-
nahme des Betriebs der Dolita-Goldmine auf der Isla de la Juventud, der
größten und etwa keksförmigen Nebeninsel Kubas vor der Südküste. Nachdem
die Goldader nichts mehr hergegeben hatte, war die Mine noch zu Kolonial-
zeiten von den Spaniern geschlossen worden. Als dann aber der Goldpreis
weltweit in die Höhe schoss, setzte Fidel es sich in den Kopf zu überprüfen,
ob man mit modernen Gerätschaften nicht aus der Dolita noch etwas zurück-
gebliebenes Erz herausholen könne. Er hatte den richtigen Riecher: Man stieß
auf sechzig bis siebzig Kilo Gold, die in Barren gegossen wurden ...” (S.232ff.)
 
   
  
Fidel Castros Privatkonto
*) Juan Reinaldo Sánchez, “Das verborgene Leben des
      Fidel Castro”, 2015, Bastei Lübbe AG, Köln