Zu Beginn des Jahres 1969 lässt er vier Rinder mit dem Hubschrauber über eine
daran befestigte Kranvorrichtung von der Straße auf die Terrassen hieven. So kann
El Comandante seiner damaligen Marotte frönen: der Kreuzung europäischer
(schwarzbunter) Hollstein-Kühe mit kubanischen Buckelrindern, den Zebus – in
der Hoffnung, eine neue Rasse von Rindern heranzuzüchten, die zur Moderni-
sierung der Landwirtschaft beitragen und die Milcherträge verbessern könnte.
Die Existenz dieses Stalls mitten in der Stadt, oben auf einem Wohngebäude, mag
dem mit der Geschichte des Castrismus wenig vertrauten Lesers sehr unwahr-
scheinlich vorkommen, wird den Kenner jedoch nicht sonderlich erstaunen, denn
die Leidenschaft Fidels für die Rinderzucht ist eine historisch einwandfrei ver-
bürgte Tatsache.
Schon im Dezember 1966 hält der Comandante en Jefe im Station von Santa Clara
eine erste Rede zu diesem Thema. In den 70er und 80er Jahren mutiert diese ver-
rückte Leidenschaft zur wahren Besessenheit.
Im Jahr 1982 wird die Kuh Ubre Blanca, die für ihre sagenhafte Milchproduktion
berühmt war, von Fidel zum „Star“ erklärt. Sie wird zu Propagandazwecken instru-
mentalisiert. Ganz Kuba verfolgt im Fernsehen den Weltrekord, den sie für das
Guiness-Buch der Rekorde aufstellt: An einem einzigen Tag produziert Ubre
Blanca 109,5 Liter Milch.
Wenn das kein unwiderleglicher Beweis für das astronomische Genie des Coman-
dante ist! Die Kuh wird zum Gegenstand zahlreicher Fernsehreportagen. Darüber
hinaus wird sie in den Rang eines nationalen Symbols erhoben: Es gibt sogar
eine Briefmarke mit ihrem Konterfei. Nach ihrem Tod im Jahr 1985 widmet ihr die
nationalen Tageszeitung Gramma einen Nachruf. Und noch heute steht in ihrer
Geburtsstadt Nueva Gerona auf der Isla de la Juventud, der Insel der Jugend, eine
Marmorstatue von ihr.“
Quelle: Juan Reinaldo Sánchez, “Das verborgene Leben
des Fidel Castro”, 2015, Bastei Lübbe AG, Köln, S.42ff.