So weist Hamed Abdel-Samad darauf hin, dass Sarrazins Erfolg bei den
Deutsch-Deutschen mit dem Erfolg der religiös-nationalistischen Thesen des
türkischen Premierministers Erdogan unter den Deutsch-Türken verglichen
werden kann:
„Viele Islamwissenschaftler hielten Erdogan nach seinem Amtsantritt vor zehn
Jahren für einen moderaten Islamisten. Ich konnte diesen Begriff nie akzep-
tieren, denn Islamismus und moderat schließen sich meines Erachtens aus.
Ein Islamist strebt nach Macht, grenzt alle Andersdenkenden aus und glaubt an
eine hermetisch geschlossene Identität, die allen anderen Identitäten überlegen
ist. Man hoffte, dass die politischen und wirtschaftlichen Realitäten Erdogan zu
Pragmatismus zwingen würden. Aber ein Islamist gibt sich nur so lange
moderat und versöhnlich, solange er die Macht nicht hat. Kaum hat er die
Zügel fest in der Hand, fällt die Maske.
Erdogan versucht nicht nur, die Politik und Wirtschaft des Landes zu bestim-
men (das wäre eigentlich seine Aufgabe), sondern er will die Gesellschaft
umerziehen. Er baut neue Städte und will die sozialen und moralischen
Verhältnisse in diesen Städten kontrollieren. Er will bestimmen, wer wo wohnt
und wer wen küsst. Er geht brutal gegen Demonstranten vor, bezeichnet sie als
Ungläubige und Banditen. Erl lässt Journalisten verhaften, die seine Pläne und
seinen Führungsstil kritisieren. Nirgendwo auf der Welt sitzen so viele Journa-
listen im Gefängnis wie in der Türkei. 76 an der Zahl. Das sind mehr als im Iran,
in Nordkorea oder Russland! Tausende Aktivisten und Intellektuelle sind eben-
falls in Haft. Manchen von ihnen wird vorgeworfen, Mitglied einer Terrororgani-
sation zu sein, obwohl sie nur einen Erdogan-kritischen Artikel geschrieben
oder gegen ihn demonstriert haben.
Auch über die Landesgrenzen hinaus versucht Erdogan, Einfluss auf Aus-
landstürken zu nehmen. Der tosende Applaus, den Sarrazin Ende September
2010 im Münchner Literaturhaus erntete, entstammt der gleichen Quelle wie
der Jubel, mit dem Erdogan Ende Februar 2008 in der Köln-Arena gefeiert
wurde.
Wie ein Heilsbringer, ein Identitätsstifter wurde der türkische Regierungschef
empfangen. Vor allem die Generation achtzehn plus ist von Erdogan begeistert
und nimmt seine belehrenden Empfehlungen dankend an. Die meisten dieser
jungen Menschen sind in Deutschland geboren, haben deutsche Schulen
besucht und sehen Deutschland als Lebensmittelpunkt – und fühlen sich zum
Teil dennoch fremd hier. Sie regen sich über das Image-Problem des Islam und
über die Haltung vieler Deutscher zu Türkischstämmigen auf. Erdogan ist für
sie so etwas wie eine Rückversicherung. Wenn sie hier schon nicht willkom-
men sind, ER wird sie mit offenen Armen aufnehmen.
Auch wenn viele der Jubelnden keine Islamisten waren, sahen sie Erdogan und
seine AKP als Hoffnung, dass Islam und Demokratie einander nicht ausschlies-
sen. Doch in ihrer Euphorie übersahen sie die totalitären Züge von Erdogan
und seiner Regierung. Heute ist die Türkei kein Beispiel mehr für eine gelung-
ene Hochzeit von Islam und Demokratie, sondern sie ist eine Heimat geworden
für eine Light-Version des islamischen Faschismus! Mit großem Potenzial für
weitere Radikalisierungen!
An den Reaktionen junger Muslime in Deutschland auf die jüngsten Korrup-
tionsvorwürfe gegen die Erdogan-Regierung kann man den Unterschied
zwischen einem moderaten und einem Hardcore-Islamisten erkennen.
Der moderater Islamist glaubt, eine westliche Verschwörung stecke dahinter.
Der Salafist und der Dschihadist glaubt, die Schwierigkeiten seien eine Strafe
Gottes, weil Erdogan die Scharia nicht eingeführt hat und in seinem Staat
Alkohol und Prostitution (noch) nicht (gänzlich) verboten sind …“