Wie kann Integration gelingen?
Hamed Abdel-Samad, der seit 1995 in Deutschland lebt, geht in seinem Buch
“Der islamische Faschismus” auch auf das Problem der Integration von
Muslimen in Deutschland und Europa ein.
Dabei übt er zuerst Kritik. Er weist darauf hin, dass seit dem Erscheinen des
Sarrazin-Buches „Deutschland schafft sich ab“ und der darauffolgenden Dis-
kussion keine Verbesserungen stattgefunden haben. Im Gegenteil: anstatt zu
mehr gegenseitigen Verständnis und einer besseren Integration von musli-
mischen Migranten ist es zu verstärkter gegenseitiger Ablehnung und zu einer
größeren Polarisierung innerhalb Deutschlands gekommen ...
Aber auch Erdogan, der über die Landesgrenzen hinaus auch auf Auslands-
türken Einfluss zu nehmen versucht, hat gemäß Abdel-Samad zu dieser
Polarisierung beigetragen …
Wie kann die Radikalisierung aufgehalten werden?
Zuerst darf man nicht alle Muslime „pauschal als potenzielle Terroristen“ an-
sehen. Hamed Abdel-Samad weist darauf hin, dass die Mehrheit der in Europa
lebenden Muslime apolitisch ist und das Beste für ihre Kinder will: „Sie pau-
schal als potenzielle Terroristen anzusehen wäre falsch und ebenfalls eine
Gefahr für den Frieden. Eine generelle Verdächtigung oder offene Abneigung
kann ebenfalls leicht in Gewalt münden.“
Allerdings sollten die liberalen Muslime verstärkt ihre Stimme gegen den
„islamischen Faschismus“ (Islamismus) erheben und sich stärker engagieren,
so Hamed Abdel-Samad: „Wenn eine große Zahl dieser normalen Muslime auf
die Straße geht, um gegen die Mohamed-Karikaturen oder einen antiislami-
schen Film zu protestieren, dann erwarte ich, dass mindestens genauso viele
normale Muslime gegen den zunehmenden Einfluss der Islamverbände und
Salafisten auf die Straße gehen. Denn es geht schließlich nicht nur um das
Image des Islam, sondern auch um die Zukunft ihrer eigenen Kinder in dieser
Gesellschaft.“ (S.194*)
Gleichzeitig ist der Staat gefragt. Er darf den Islamverbänden nicht zu viel
Macht einräumen, denn Menschen, die sich im Namen der Religion organi-
sieren und eine Lobby bilden, wollen oft ein religiös-konservatives Gesell-
schaftsbild einfrieren und – von oben legitimiert – mehr Macht und Einfluss
über die Angehörigen ihrer Religion erlangen ...
Statt den Islamverbänden mehr Privilegien zu geben, sollte man jungen
Muslimen als Individuen größere Chancen einräumen. Hamed Abdel-Samad:
„Muslime müssen lernen, anders mit Kritik umzugehen, Deutsche müssen
lernen, dass auch ein schwarzhaariger Muslim ein Deutscher sein.“
Und: „Es ist kein Zeichen von besonderer Kreativität, wenn wir auf die
Umwälzungen im Zuge der Globalisierung mit den ewig alten Mustern
reagieren: Wir werden weder Trost noch Identitätsstiftendes bei Religionen
oder veralteten Konzepten von Nation finden, die davon leben, andere
auszuschließen. Die Zukunft gehört der Multikulturalität und der Flexibilität.
Wer Identitätshygiene betreibt und hohe Mauern um seine Kultur oder seine
Religion baut, hat längst verloren.“ (S.206*)
Denn: in erster Linie sind wir alle Menschen – und nicht Christen oder Muslime,
nicht Europäer oder Araber, nicht Israelis oder Palästinenser.
Das ist der nächste Entwicklungsschritt, den die Menschheit nun gehen muss.
Aber bei jedem größeren Entwicklungsschritt gibt es Krisen und Veränderun-
gen. Viele fühlen sich dadurch verunsichert und suchen Sicherheit in (konser-
vativen) Einstellungen und (intoleranten, voreingenommenen) Standpunkten,
die sie eigentlich überwinden sollten …