„Liberale Muslime organisieren sich seltener in großen Vereinen als
konservative, weil sie sich als Individuen sehen. Und sie streben nicht in dem
Maße nach Macht und politischem Einfluss.
Genau das nutzen die Verbände aus; weil niemand den Mund aufmacht und
dagegen aufbegehrt oder sich organisiert, können sie sich als Vertreter aller
Muslime ausgeben. Themen wie Islamunterricht, die Befreiung muslimischer
Schülerinnen vom Schwimmunterricht, das Tragen des Kopftuches bei
Lehrerinnen und Staatsbediensteten – all das sind Tehmen, die von konser-
vativen Islamverbänden initiiert wurden.
Der Staat hat das Erstarken dieser Vereinigungen hingenommen, weil er, vor
allem nach dem 11. September, dringend muslimische Gesprächspartner
brauchte. Der Dialog an sich ist wichtig und richtig. Doch wo man sich früher in
kleinen Moscheen mit Gesellschaftsräumen eingefunden hat und ethnisch
gesehen unter sich bliebt, wurden die Muslime nun ermutigt, sich zu institutio-
nalisieren. Wo früher Türken unter sich blieben, Iraner nichts mit Marokkanern
zu tun hatten und so weiter, formten sich nun Organisationen, die vermeintlich
für alle sprechen.
Gerade in Deutschland ist diese Institutionalisierung höchst problematisch.
Denn die Islamverände wollen – wie die christlichen Kirchen und die jüdischen
Gemeinden - Körperschaften des öffentlichen Rechts werden. Sie berufen sich
auf das sogenannte Staatskirchenrecht, eine Vereinbarung, die wie kaum eine
in den vergangenen Jahrhunderten von historischen Entwicklungen beein-
flusst wurde. Nach der Säkularisierung etwa wurden die Kirchen für ihre
Gebietsverluste vom Staat entschädigt; er verpflichtete sich, für sie Steuern
einzutreiben und ihnen im Gegenzug Aufgaben in der Bildung oder im
Gesundheitswesen zu übertragen.
Seit der Trennung von Staat und Kirche ist der Staat zu „weltanschaulicher
Neutralität“ verpflichtet. (…) Die Gesellschaften im 21. Jahrhundert werden
immer heterogener und multikultureller. Die Zuwanderer sind in erster Linie
Menschen, die menschliche Bedürfnisse haben: Bildung, Arbeit, Menschen-
rechte.
Sie sind Individuen, die individuelle Rechte brauchen, bevor sie Rechte als
Gruppe erlangen. Man tut den Muslimen meines Erachtens keinen Gefallen,
wenn man die Islamverbände politisch aufwertet und den Islam auf die gleiche
Institutionalisierungsstufe wie die christlichen Kirchen stellt. Dadurch be-
kämpft man nicht die latent vorhandene antimuslimische Stimmung, sondern
steigert die Ressentiments gegen Muslime.
Die Lösung kann aus meiner Sicht nicht heißen, dass die muslimischen
Organisationen die gleichen Privilegien genießen wie die Kirchen, sondern
dass die Kirchen vielleicht auf einige liebgewordene Privilegien verzichten und
einige Aufgaben wieder an den Staat übertragen.
Das Staatskirchenrecht mag in der Vergangenheit seine Berechtigung gehabt
haben, den Anforderungen des 21. Jahrhunderts hält es aber meines Erachtens
nicht stand. Der Staat soll für eine neutrale Wissensvermittlung sorgen. Er
kann Kindern Instrumente des freien, kritischen Denkens mitgeben, aber er
sollte ihnen keine vorgefertigten religiöse Wahrheiten präsentieren. Nicht im
evangelischen, nicht im katholischen, nicht im islamischen Religionsunterricht.
Religionskunde an sich halte ich für sinnvoll. Dort können die Schüler Informa-
tionen über die Entstehung der unterschiedlichen Religionen bekommen, über
die verschiedenen Lehren und die historische Entwicklung der religiösen
Gemeinschaften. Aber nicht mehr und nicht weniger. (…)