Die Einführung des Euro als Hauptgrund der EU-Krise
Soros sagt dazu im Interview (geführt von Gregor Peter Schmitz) folgendes:
„Natürlich war von Anfang an klar, dass die Struktur der Euro-Zone unvoll-
ständig war – es war eine Währungsunion ohne eine politische Union. Die
Europäer hatten plötzlich eine Zentralbank, aber noch immer kein
gemeinsames europäisches Finanzministerium. (…)
Schmitz: Tmothy Garton Ash schreib in Foreign Affairs, der friedliche
Einigungsprozess in Europa sei mit der Einführung des Euro aus der Spur
geraten, wegen der großen Mängel der Währungsunion. Stimmen Sie zu?
Soros: Ich habe das damals nicht so gesehen, denn ich war fest davon
überzeugt, dass Europa den nächsten Reformschritt einleiten würde, sobald
die unvollständige Struktur der Währungsunion Probleme bereitet. So ist es ja
in der Geschichte der europäischen Einigung immer gewesen, daher machte
ich mir keine großen Sorgen.
Schmitz: Und wann fingen Sie an, sich Sorgen zu machen?
Wirklich erst nach dem Ausbruch der Weltfinanzkrise. Diese Krise hat die
Schwächen des europäischen Bankensystems brutal offengelegt, und ich hatte
den Eindruck, dass die staatlichen Aufsichtsbehörden dies nicht begriffen. Die
Architekten des Euro glaubten, dass der private Sektor immer seine eigenen
Versäumnisse beheben könne und Exzesse oder Ungleichgewichte nur im
öffentlichen Sektor denkbar seien. Der Fiskalpakt im Maastricht-Vertrag
ignorierte den Privatsektor völlig und beschränkte sich auf Vorgaben für
Staatshaushalte. Das war ein schwerer Fehler, denn die jüngste Weltfinanz-
krise wurde schließlich durch Exzesse im Privatsektor verursacht. Und weil
das Finanzsystem weltweit mittlerweile so eng verknüpft ist, litten europäische
Banken darunter sogar stärker als amerikanische Institutionen
Schmitz: Wie haben denn Ihre Kollegen in den USA den Euro bewertet, als er
eingeführt wurde?
Natürlich gab es kritische Stimmen, aber der Euro wurde von ihnen durchaus
ernst genommen und akzeptiert. Niemand von uns, ich nehme mich da gar
nicht aus, erkannte die verhängnisvollste Schwäche der Währungsunion -
nämlich dass EU-Mitgliedsstaaten an die Europäische Zentralbank das Recht
abtreten, Geld in ihrer eigenen Währung zu drucken. Das hieß, sie mussten
sich künftig Geld in einer Währung leihen, die sie nicht selbst kontrollierten.
Die Kontrolle erfolgte durch die Euro-Gruppe, nicht durch die einzelnen
Staaten. Sie fanden sich also auf einmal in derselben Lage wieder wie Drittwelt-
staaten, die sich Geld in Dollar oder Euro leihen müssen. Und damit standen
sie auf einmal vor einem möglichen Staatsbankrott. Dieser Bankrott ist niemals
eine Option, solange die nationale Notenbank die Geldpresse anwerfen kann,
um Rechnungen zu begleichen oder Zinsen zu zahlen. Das Risiko, wenn diese
Option nicht mehr besteht, ignorierten sowohl die Aufsichtsbehörden als auch
die Finanzmärkte.
Quelle: George Soros/Gregor Peter Schmitz: “Wetten auf Europa”, S.64ff.