Bringt Austerität die Rettung?
Der Economis verglich die Euro-Zone im Jahr 2012 mit einem Patienten, der
seinen Arzt verklagen könnte, weil ihm die falsche Arznei verabreicht worden
sei: „Der Sparkurs war zu heftig und falsch.“
Wie Patienten eines wenig verheißungsvollen Medikamentenexperiments
müssen sich auch die Bürger in den betroffenen Nationen fühlen. Die Zahlen
der Jugendarbeitslosigkeit in Europa wecken Erinnerungen an die Lage jener
arabischen Staaten, in denen sich im Jahr 2011 soziale Verzweiflung im
Arabischen Frühling Bahn brach: Die Erwerbslosenrate von Menschen unter 24
Jahren hat in Griechenland 57 Prozent erreicht, in Spanien liegt sie bei 56
Prozent, in Italien bei 40 Prozent und in Portugal bei 37 Prozent; in der
gesamten Euro-Zone beträgt sie immer noch erschreckende 24 Prozent. Das
US-Magazin Time wies darauf hin, dass 10 Prozent der griechischen Schüler
regelmäßig hungrig seien und in Spanien etwa zwei Millionen Menschen
regelmäßig Suppenküchen frequentieren.
Von einem „Selbstmordpaket“ spricht Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph
Stiglitz daher angesicht des kollektiv harten Sparkurses in Europa, und es ist
deshalb nicht wirklich überraschend, wie isoliert Deutschland aufgrund seiner
vermeintlich „alternativlosen“ Politik inzwischen erscheint, und das weltweit.
Selbst der Internationale Währungsfonds, über Jahrzehnte berüchtigt als
Verfechter des „Washington Consensus“ mit seinen harten Sparauflagen, hat
mittlerweilen eingestanden, den Schaden der staatlichen Sparpolitik und der
Steuersenkungen für die griechische Volkswirtschaft unterschätzt zu haben.
Das US-Magazin Foreign Affairs attackiert die „Austerity Delusion“ bezie-
hungsweise die deutsche Argumentation: „Befürworter der Sparpolitik glau-
ben, dass öffentliche Sparsamkeit private Ausgaben nach sich ziehen wird.
Aber jemand muss ausgeben, damit jemand anders sparen kann … und wenn
ein Land durch die Reduzierung seiner Löhne wettbewerbsfähiger werden will,
muss es umgekehrt ein anderes Land geben, das Geld für Produkte des ersten
Landes ausgeben will. Wenn alle Staaten gleichzeitig sparen und kürzen, wie
es derzeit in der Euro-Zone der Fall ist, kann niemand die nötigen Ausgaben
tätigen, um Wachstum zu produzieren.“
Auch der Harvard-Ökonom Martin Feldstein schreibt, Deutschland sei in
Europa mit China im Verhältnis zum Rest der Welt zu vergleichen: eine
Exportnation, die davon lebt, dass andere Nationen ihre Produkte
konsumieren.
Und im übrigen ist es auch ein Mythos, dass es keine Reformen in den Euro-
Krisenstaaten gibt!
Klaus Regling, Chef des ESM, war etwas aufgebracht. Und dabei ging es nicht
um griechische Schummeleien, italienische Ausflüchte oder französische
Realitätsverweigerung. Nein, zur Debatte stand Deutschlands Weigerung, die
Reformschritte der Krisenstaaten anzuerkennen. „Ehrlich gesagt fehlt mir
manchmal das Verständnis dafür, dass in Deutschland diese Fortschritte der
Antikrisenstrategie oft nicht wahrgenommen werden“, sagte Regling.
Tatsächlich hat beispielsweise Griechenland sein Haushaltsdefizit binnen vier
Jahren um mehr als 13 Prozentpunkte vom BIP gesenkt; es steht damit in der
Liste der Industrienationen an vorderster Stelle, was auch den SPIEGEL
erstaunte: „Hätte Deutschland ähnlich radikal gestrichen, hätten die Finanz-
minister von Bund und Ländern sowie die Kämmerer der Kommunen seit 2009
auf rund 250 Milliarden Euro verzichten müssen.“
Und Griechenland steht mit seinem Spar- und Reformeifer keineswegs allein
da, wie das Magazin hervorhob: „In Portugal erleichterte die Regierung den
Zugang zu bislang geschützten Berufen und strich Feier- und Urlaubstage.
Spanien lockerte den Kündigungsschutz. In Griechenland kappte die Regie-
rung den Mindestlohn um fast ein Viertel, für Jugendliche sogar um ein Drittel.
Die Regierung in Rom hob das Rentenalter an.“
Freilich spielen diese Fortschritte und Reformen in der deutschen Debatte –
auch während es Bundestagswahlkampfes 2013 – kaum eine Rolle. Sie werden
genauso verschwiegen wie der Umstand, dass das Erlassen von Schulden
gängige Praxis etwa in der Entwicklungspolitik ist, die die Bundesrepublik
selbstverständlich akzeptiert, solange dafür Reformen für einen Neustart
vereinbart werden.
Die junge Bundesrepublik Deutschland kam nach dem Zweiten Weltkrieg wie
bereits beschrieben ebenfalls in den Genuss großzügiger Schuldenerlässe –
unter den Gläubigern: Griechenland.
Die Debatte über einen Schuldenerlass für Griechenland wird seit Jahren
verschämt geführt, die möglichen Vorteile einer solchen Regelung für
Deutschland werden selten genannt.
Sollte eines der krisenbehafteten Länder seine Verbindlichkeiten nämlich nicht
komplett zurückzahlen können, müsste die Europäische Zentralbank dessen
Anleihen abschreiben. Und wer müsste dann für diese Verluste zu rund einem
Viertel haften? Der deutsche Steuerzahler. Die Transferunion, vor der die
Brundesregierung und allen voran Bundeskanzlerin Angela Merkel gerne
warnt, ist über diese Behelfskonstruktion zumindest theoretisch längst
Wirklichkeit geworden.