Welche Eigenschaft der Kurden war es, die den alten Religionen noch Raum gab,
wo sie anderenorts längst verschwunden waren, und welche Voraussetzungen
musste es unter den Kurden gegeben haben, dass gerade sie die genannten
synkretistischen Religionen entwickelten? Warum haben sich so viele alte
Religionen und kurdische synkretistische Religionen in Kurdistan bewahren
können, trotz der islamischen Invasion, warum nicht bei den Nachbarvölkern, die
alle viel einheitlicher, vollständiger islamisiert wurden?
Ich habe auf diese Frage nur eine Antwort: Weil es unter den Kurden einen Hang
zum gleichwertigen Nebeneinander gibt, bis heute, der sich im übrigen auch in der
politischen Kultur der Kurden ausdrückt. Das setzt eine Form von Toleranz voraus,
nämlich die Toleranz, das Nebeneinander von Gleichwertigem zu ertragen und die
Spannung, die durch Vielfalt immer gegeben ist, auszuhalten. Diese Besonderheit
der Kurden gilt es anzuerkennen und zu pflegen und zu schützen. Diese Besonder-
heit ist quasi der Schlüssel, mit dem die Kurden sich ein Leben in Würde und
Gleichberechtigung erschließen können.
Warum gibt es im Herzen Kurdistans in Kangawar seit Tausenden von Jahren den
großen Tempel von Anahita (weibliche Göttin der Reinheit, des Regens und des
Wassers), zahlreiche christliche Kirchen, das große Heiligtum der Ezidi (in
Lalisch), jüdische Tempel, das Heiligtum der Aleviten, Kakayis, Schabak und
Sarayis.
Warum haben die Oppositionellen der Araber und Perser (und auch Bahaollah,
Prophet der Bahais) in Kurdistan Zuflucht gesucht? Bahaollah konnte zwei Jahre,
von 1854 bis 1855, als er überall verfolgt war, voll respektiert in Kurdistan leben,
und hätte dort auch in Ruhe weiterleben können, wenn er nicht von selbst
gegangen wäre, um seine Religion weiterzuverbreiten.
Warum kann ein enger Mitarbeiter von Saddam Hussein, der jahrelang Kurden
vernichtet hat, sich von Saddam trennen und in Kurdistan Asyl begehren und
finden?
Es ist eine Sitte bei den Kurden, daß sie ihren Erzfeinden verzeihen, wenn sie die
Kurden bei sich zu Hause aufsuchen.
Warum haben die Kurden als einziges Volk des Vorderen Orients ihren
traditionellen Tanz in bunter Reihe (Männer und Frauen), der Raschbalak heißt,
bewahren können, trotz aller Vorwürfe der Fanatiker unter den Nachbarvölkern,
die Kurden seien "unmoralisch"?
Warum konnten kurdische Frauen, in jenen Gebieten, wo die Fremdherrscher
keinen Einfluß hatten, ohne Schleier in die Öffentlichkeit und mit dem Mann auf
dem Feld zusammen arbeiten und es bis heutzutage tun, und in Kriegszeiten
Waffen tragen, und warum konnten einige von ihnen sogar eine führende Rolle
spielen, im Gegensatz zu den Frauen der Nachbarländer? Wie konnte eine Frau
wie Kara Fatma eine Armee von Männern führen, so daß die europäische bzw. die
deutsche und orientalische Presse mit Bewunderung im vorigen Jahrhundert
darüber berichteten?