In der vorislamischen Zeit gab es die schon erwähnte Vielfalt von religiösen
Vorstellungen, von Mithraismus oder Sonnenkult, über Buddhismus, Mazdaismus
und Manichäismus bis zum Judentum und Christentum, wobei dem Mazdaismus
und Manichäismus zur Zeit der Ankunft des Islam das meiste Gewicht zukam.
Mithraismus gab es in der Frühzeit der Menschheit auf der ganzen Welt, und
Relikte dieser Sonnenkult-Tradition finden sich entsprechend ebenso überall.
Wenn die Menschen zu Gott bitten, ihnen einen Wunsch zu erfüllen, richten sie
ihren Kopf unwillkürlich in die Richtung des Himmels, wo die Sonne sich
befindet. Das ist überall auf der Welt so. Bei den Kurden sind diese an den
Mithraismus anknüpfenden Relikte zweifellos sehr deutlich. Die Kurdische Fahne,
die 1946 bei der Errichtung der Republik Kurdistan in deren Hauptstadt Mehabad
zur offiziellen Fahne von Kurdistan wurde, trägt die Sonne in ihrer Mitte, um ein
zeitgenössisches Beispiel zu geben, wie bedeutsam den Kurden die Sonne ist.
Erwähnenswert ist, daß die Farben Rot/Gelb/Grün gemeinsam die nationalen
Farben der Kurden darstellen.
Zweifellos ist es so, daß Sonne, Mond und Sterne einen besonderen Stellenwert in
der kurdischen Mythologie haben. In diesem Zusammenhang steht, daß die Kurden
sich schon früh mit Astronomie sowie Mathematik und Naturwissenschaften
befaßt haben. Es gab in Kurdistan mehrere Mond- und Sternobservatorien. Das
bekannteste befand sich auf dem Berg Gilazarda in der Nähe von Sileymani.
Mazdaismus und Buddhismus sind etwa zur gleichen Zeit entstanden, nämlich 6
Jahrhunderte vor Christi Geburt. Da Zarathustra Iraner war (wenn nicht sogar
Kurde), hat der Mazdaismus in Kurdistan eine beachtliche Verbreitungschance
gehabt, wovon viele Tempel und Denkmäler in zahlreichen Orten Kurdistans (ganz
besonders in der Region Kirmaschan in Ostkurdistan) bis heute zeugen.
Die Religion von Zarathustra gründet auf einer Trinität, und zwar "Denke gut,
sprich gut und handle gut" ...
Zarathustra lebte 6 Jahrhunderte vor Christi Geburt. Der Mazdaismus war also
schon eine ziemlich alte Religion, als der Prophet Mani von sich reden machte
und der Manichäismus sich entwickelte. Mani war anfänglich Christ, hatte dann
religiöse Eingebungen und erklärte sich im Jahre 242 n. Chr. zum Propheten.
Anders als Zarathustra und der Mazdaismus sprach Mani nicht von Gut und Böse,
sondern von Licht und Finsternis. Licht ist die Seele, und sie ist rein. Finsternis ist
Materie, und sie ist schmutzig. Wenn ein Lebewesen stirbt, wird dessen Seele nach
oben in den Himmel gehen, und die Materie - da sie schlecht ist - in die Erde
gehen. Im Wesen jedes Menschen gibt es zweierlei, das Reine und das
Schmutzige.
Auf vielerlei Art und Weise können wir sehen, daß die Religionsgemeinschaften,
die wir heutzutage in Kurdistan antreffen - die Jesiden (Ezidis), die Aleviten,
Schabak, Haqqa, die Ahli-Haqq bzw. Kakayi oder Yarsan, dass sie alle
verschiedene Elemente miteinander verbunden und neue Glaubensrichtungen
begründet haben, und wir sehen auch verschiedene grundlegende
Gemeinsamkeiten unter diesen Religionen. Sie alle betrachten Gott als den
Schöpfer, der als einzelner und allgegenwärtig herrscht, also monotheistisch und
omnipräsent ist. Gleichwohl herrscht dieser Gott nicht direkt, sondern über seine
Gehilfen, von denen es sieben gibt und die jeweils für eine andere Region oder ein
anderes Ressort zuständig sind. Ein Obergehilfe oder Oberengel führt die Schar der
Gehilfen oder Engel an, unter denen sich auch ein weiblicher Engel befindet. Bei
allen diesen Religionen wird die Existenz eines Teufels verneint und der Mensch
selbst als sein "eigener Teufel" angesehen. Darüber hinaus gehört die
buddhistische Seelenwanderung zu den Kernvorstellungen der kurdischen
synkretistischen Religionen.
Quelle: http://www.kurdistan.at/kurdistan.htm