Ayaan Hirsi Ali schreibt über die Muslimbruderschaft und ihre eigenen Erfah-
rungen mit dieser fundamentalistischen islamistischen Sekte in den 1980er
Jahren folgendermaßen:
“Die in den zwanziger Jahren in Ägypten zur Wiederbelebung des Islam gegrün-
dete Bewegung breitete sich von dort aus – zuerst langsam, doch seit den sieb-
ziger Jahren immer schneller, weil sie durch hohe Geldsummen von den zu
Reichtum gekommenen Saudis unterstützt wurde. 1987 hatten die Ideen der Mus-
limbruderschaft in Gestalt von Boquol Sawm auch die somalischen Hausfrauen
von Eastleigh erreicht.
Boqol Sawm brüllte, dass die Männer, die die Hinwendung ihrer Frauen zum Islam
ablehnten, in der Hölle schmoren würden. Muslime, die ihre muslimischen Brüder,
die Palästinenser, im Stich ließen, seien keine wahren Muslime und würden eben-
falls brennen. Der Islam werde bedroht, und seine Feinde – die Juden und die
Amerikaner – würden auf ewig brennen. Muslimische Familien, die ihre Kinder auf
Universitäten in den USA, in England oder in anderen Ländern der Ungläubigen
schickte, kämen in die Hölle. Das Leben auf der Erde sei vorübergehend, schrie
Boqol Sawm, es sei von Allah dazu gedacht, die Menschen auf die Probe zu
stellen. Die Heuchler, die zu schwach seien, um den weltlichen Versuchungen zu
widerstehen, würden brennen. Und wer seine Freundschaften mit Nichtmuslimen
nicht aufgebe, komme ebenfalls in die Hölle.
Hinsichtlich Bquol Sawm hatte ich meine Zweifel, dennoch glaubte ich mit sieb-
zehn an die Werte der Bruderschaft. Allerdings hatte der wachsende Einfluß der
Bewegung auch gute Auswirkungen. Weniger junge Männer wurden Qat und
anderen Drogen abhängig. Damals forderte Aids gerade die ersten Opfer. Viele
muslimische Familien dachten, die beste Lösung sei Enthaltsamkeit, und Enthalt-
samkeit war genau das, was die religiösen Eiferer aller Glaubensrichtungen des
Islam predigten.
Außerdem wurde die Korruption bekämpft. In den Unternehmen der Muslim-
bruderschaft gab es praktisch keine Korruption. Krankenstationen und Wohl-
fahrtsorganisationen, die von der Bruderschaft geleitet wurden, waren zuver-
lässig und vertrauenswürdig. Wenn nichtmuslimische Kenianer konvertierten,
wurden auch sie von diesen Einrichtungen unterstützt, daher wandten sich in den
Slums bald viele Kenianer dem Islam zu.” (S.154ff.)
“Boqol Sawm wurde der beliebteste Redner in der Gemeinde, und im Lauf der Zeit
zeigte sich die Wirkung seiner Prdigten auch auf den Straßen der somalischen
Viertel. Frauen, die früher farbenprächtige Dirhas mit verführerischen Unter-
röcken und dazu italienische Sandalen getragen hatten, die ihre pedikürten, mit
Nagellack oder Henna bemalten Zehen zeigten, hüllten sich nun in die Burka. Sie
verhüllten sich mit dunkelbraunem, schwarzem oder dunkelblauen Stoff aus
möglichst rauher Baumwolle, so dass nur noch ein Stück von ihrem Gesicht zu
sehen war. Manche bedeckten sogar ihr Gesicht.  (…)
Meine Mutter fühlte sich von der tiefen Überzeugung angezogen, mit der Boqol
Sawm predigte. Sie ermutigte mich, seine Predigten auf Band anzuhören und
seine Vorträge zu besuchen, wenn er in Häusern der Nachbarschaft predigte.”
Doch Ayaan Hirsi Ali, die ein wissbegieriges junges Mädchen war und auch
”westliche” Bücher gelesen hatte, blieb gegenüber dem Hassprediger skeptisch:
“Bei Schwester Aziza gab es Vertrauen und Nähe – sie ließ uns unsere eigenen
Schlußfolgerungen ziehen. Boqo Sawm lehrte den Koran, indem er laut in einem
Mischmasch aus Arabisch und Somali brüllte und schreiend verkündete, was
verboten und was erlaubt war. Er übersetzte die Texte nicht richtig und erklärte
auch ihren tieferen Sinn nicht.
Als ich siebzehn war, widmete sich Boqol Sawm eines Tages den Versen darüber,
wie Frauen sich gegenüber ihren Ehemännern verhalten sollten. Wir schuldeten
unseren Ehemännern absoluten Gehorsam, sagte er den Müttern und jungen
Mädchen, die sich versammelt hatten und ihm zuhörten. Wenn wir ungehorsam
seien, dürfe er uns schlagen. Wir müßten jederzeit sexuell verfügbar sein, wenn
wir nicht unsere Periode hätten: „Sogar im Sattel eines Kamels“, zitierte er den
Hadith. Das war keine liebevolle Partnerschaft oder ein gegenseitiges Geben und
Nehmen; dergleichen schien überhaupt nicht denkbar. Boqol Sawm schrie:
„ABSOLUTER GEHORSAM – das ist im Islam Gesetz!“ Ich wurde wütend und
stand hinter dem Vorhang auf. Mit zitternder Stimme fragte ich: „Müssen unsere
Ehemänner uns auch gehorchen?“
An dieser Frage ist nichts Falsches, aber Boqol Sawm wurde sofort laut. In
hartem, trockenen Ton donnerte er: „Gewiß nicht!“ Ich grub mir die Nägel in den
Handrücken, um das Zittern zu unterdrücken, und sprach weiter: „Dann sind
Männer und Frauen nicht gleich.“ Boqol Sawm sagte: „Sie sind gleich.“
„Aber das sind sie nicht“, erwiderte ich. „Ich soll meinem Ehemann absoluten
Gehorsam leisten, er mir aber nicht, daher sind wir nicht gleich. Im Koran steht
auf fast jeder Seite, Gott sei gerecht, aber das ist nicht gerecht.“
Boqol Sawm brüllte jetzt. „Du darfst Allahs Worte nicht anzweifeln! Sein Geist ist
verborgen. Aus dir spricht der Satan, Mädchen! Setz dich sofort hin!“
Ich setzte mich hin, zischte dabei aber „Dumm!“ vor mich hin. Die anderen Frauen
im Zimmer waren alarmiert – sie dachten wirklich, ein Dämon sei in mich gefahren
und habe meinen Verstand verwirrt. Aber ich wußte, dass ich aufrichtig nach der
Wahrheit gesucht hatte. Boqol Sawm hatte mich zum Schweigen gebracht, weil er
keine Antwort wusste. Der Fehler konnte nicht im Koran liegen, denn das war
Gottes Wort. Er musste bei dem dummen Ma’alim liegen – und der ganzen
unfähigen Schar von Ma’alims, denen ich bisher begegnet war. Ich dachte, dass
Boqol den Koran vielleicht falschd übersetzte: Gewiss konnte Allah nicht gesagt
haben, dass Männer ihre Frauen verprügeln sollten, wenn sie ungehorsam seien?
Gewiss sollte die Aussage einer Frau vor Gericht genauso viel Gewicht haben wie
die eines Mannes? Ich sagte mir: „Keiner von denen versteht, dass es im wahren
Koran um wahre Gleichheit geht. Der Koran ist größer und besser als diese
Männer.“
Ich kaufte mir eine englische Ausgabe des Korans und las sie, weil ich dachte, ich
hätte den Text bisher nicht richtig verstanden. Aber ich musste feststellen, dass
alles, was Boqol Sawm gesagt hatte, im Koran stand. Frauen sollen ihren
Männern gehorchen. Frauen waren nur halb soviel wert wie ein Mann. Ungläubige
sollten getötet werden.
Ich sprach mit Schwester Aziza darüber, und sie bestätigte es. Frauen seien
emotional stärker als Männer, sagte sie. Sie könnten mehr erdulden, daher
würden sie häufiger auf die Probe gestellt werden. Ehemänner dürften ihre Frauen
bestrafen – nicht für kleine Verstöße wie etwa, wenn sie zu spät kämen, aber für
größere Vegehen, wenn sie sich beispielsweise gegenüber Männern aufreizend
benahmen. (…) Außerdem, erklärte sie mir, dürfe ich keine einzige Sekunde auch
nur daran denken, die Worte des Koran an die modernen Zeiten anzupassen. Der
Koran sei von Gott geschrieben, nicht von Männern. „Der Koran ist das Wort
Allahs, es ist verboten, es anzuzweifeln“, sagte mir Schwester Aziza.
Man gehorcht und man dient Allah – das ist die Prüfung. Wenn man sich Gottes
Willen auf Erden unterwirft, wird man im Jenseits mit Glückseligkeit belohnt. Die
Regel ist streng und rein. Meine Zweifel verminderten meine Aussicht auf  ewige
Glückseligkeit erheblich, aber ich konnte sie nicht unterdrücken. Ich musste das
klären.” (S.150ff.)
“Mit Boqol Sawms steigender Beliebtheit häuften sich die Streitigkeiten zwischen
Eheleuten. Die somalischen Väter und Ehemänner waren zunächst amüsiert und
prophezeiten, dass sich die dummen Frauen nach einer Woche gelangweilt einem
anderen Zeitvertreib zuwenden würden. Doch nach einiger Zeit wuchs der Ärger.
(…) Wenn die Frauen zum wahren Islam der Muslimbruderschaft konvertiert
waren, verkündeten sie, dass das Kauen von Qat, Rauchen und das Auslassen
der Gebete verboten seien. Manche schickten sogar ihre Männer weg und nann-
ten sie  Ungläubige. Wenn die Männer ihren Frauen Ungehorsam vorwarfen, an-
tworteten die Frauen, in der Hierarchie der Unterwerfung müsse man noch vor
dem Ehemann und dem Vater Allah folgen: Allah und der Prophet hätten ent-
schieden, dass Frauen nur den Ehemännern gehorchen sollten, die selbst Allah
gehorchten.
Schon nach wenigen Monaten kam es zu den ersten Scheidungen, und einige
somalische Männer bedrohten Boqol Sawm, weil er ihre Familie zerstört hatte.
Boqol Sawm wurde von wütenden Ehemännern aus ihren Wohnzimmern und den
somalischen Moscheen verjagt, doch die Kassetten mit seinen Predigten fanden
auch dann noch Verbreitung, als er untertauchen musste.
Wenn Boqol Sawm auf diesen Kassetten nicht vor dem Höllenfeuer und den
Feinden des Islam warnte, erteilte er detaillierte Anweisungen für die im Islam
erlaubten Rituale und Zeremonien bei der Geburt, beim Geschlechtsverkehr, in
der Ehe, bei Scheidungen und so weiter. Feiern zum Geburtstag des Propheten
waren verboten, weil sie an Weihnachten erinnerten, wenn die Christen die Geburt
Jesu feiern. Muslime sollten Ungläubige ohnehin in keiner Weise imitieren.
Amulette tragen, wie es meine Großmutter tat, und die toten Ahnen um Hilfe
bitten, war Blasphemie, denn dabei brachte man Allah mit geringeren Göttern in
Verbindung und dafür konnte man auf ewig im Höllenfeuer landen. Es war erlaubt,
dem Ehemann den Beischlaf zu verweigern, wenn er sich nicht an die Gebote des
Betens und Fastens gehalten hatte. Eine Toilette mußte man zuerst mit dem
linken Fuß betreten, beim Verlassen kam der rechte Fuß zuerst. Der einzige Gruß,
der laut Boqol Sawm unter Muslimen erlaubt war, lautet Assalamu-Allaikum
Warahmatullahi Wabarakaatuhu  (Friede sei mit dir und die Gnade Allahs und
Seiner Segnungen). Wenn man nicht auf diese Weise gegrüßt wurde, sollte man
den Gruß nicht erwidern.” (S.152ff.)
Quelle: Ayaan Hirsi Ali, “Mein Leben, meine Freiheit”,
             Piper Verlag, Taschenbuchausgabe 2007