Die Mu’tazila (die sich Absetzenden‘) war eine hauptsächlich in Basra und
Bagdad vertretene theologische Strömung des Islam, die ihre Blütezeit zwischen
dem 9. und 11. Jahrhundert erlebte, stark von der griechischen Philosophie
beeinflusst war und sich besonders im Kalām, einer Form des religiösen
Streitgesprächs mit rationalen Argumenten, hervortat.
Sie stellte die Willensfreiheit des Menschen in den Vordergrund ihrer Lehre.
Innerhalb der Mu’tazila gab es verschiedene Lehrrichtungen, die jeweils nach
ihrem Haupttheologen benannt waren.
Die mu’tazilitische Theologie wurde über das 11. Jahrhundert hinaus in
schiitischen Kreisen, insbesondere bei den Zaiditen, weiter gepflegt. In der
Moderne gab es einige muslimische Theologen, die die Ideen der Mu’tazila
wiederbelebt haben. Im Mittelalter hat die mu’tazilitische Theologie auch auf das
Judentum ausgestrahlt, insbesondere auf die karäische Theologie.
Die rationalistische Methode, welche die Kalam-Gelehrten eingeführt hatten,
betrachteten einige sunnitische Hauptvertreter als Häresie. Zu den bekanntesten
dieser Vertreter zählt Ahmad ibn Hanbal (gest. 855).
833 wurde gegen sie eine Inquisition (arabisch Mihna) eingeführt. Als Prüfstein
wurde die von Abū l-Hudhail gelehrte Erschaffenheit des Korans verwendet, diese
wurde nämlich von den Traditionsgelehrten bestritten, die glaubten, dass der Koran
die unerschaffene Rede Gottes sei. Diejenigen, die der Lehre Abū l-Hudhails nicht
zustimmten, wurden bestraft, darunter auch Ahmad ibn Hanbal.
Um die Wende zum 10. Jahrhundert lag die Führung der Mu’taziliten bei Abū ‘Alī
al-Dschubbā'ī. Einer seiner Schüler war Abū l-Hasan al-Asch’arī. Er wandte sich
von der Mu’tazila ab, bekehrte sich zur sunnitischen Lehre und stellte seine
rationale Argumentation in den Dienst ihrer Verteidigung. Umgekehrt kritisierte er
in seinem "Sendschreiben an die Bewohner der Grenzfestung" (Risāla ilā ahl aṯ-
ṯaġr) die mu’tazilitische Theologie.
Die Mu’tazila erhielt allerdings in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts neue
herrscherliche Förderung an den Höfen der persischen Buyiden.Wichtige
Mu’taziliten dieser Zeit waren Sāhib Ibn ‘Abbād, der Wesir des Buyiden-Fürsten
von Rayy, der eigenhändig theologische Bücher, in denen er die mu’tazilitische
Doktrin erläuterte, sowie ‘Abd al-Dschabbār ibn Ahmad, der 970 zum Oberkadi
von Rayy berufen wurde.
Kennzeichnend für die mu’tazilitische Lehre Ibn ‘Abbāds und ‘Abd al-Dschabbārs
war die Bekämpfung des Prädestinianismus sowie die Festlegung der Mu’tazila auf
fünf Grundprinzipien (arab. al-uṣūl al-ḫamsa). Diese waren:
1.
at-tauhīd („die absolute Einheit Gottes“)
2.
al-’adl („die Gerechtigkeit Gottes“)
3.
al-wa’d wa al-wa’īd („das Versprechen und die Drohung“, d. h. die Taten
des Menschen beeinflussen den Eintritt ins Paradies)
4.
al-manzila baina l-manzilatain
5.
al-amr bi-’l ma’rūf wa-’n-nahy ‘an al-munkar („Das Rechte gebieten und
das Verwerfliche verbieten“)
Mit der Machtübernahme durch die sunnitischen Seldschuken endete in der Mitte
des 11. Jahrhunderts die herrscherliche Unterstützung für die Mu’tazila im Irak.
Allerdings gab es hier noch einzelne Gelehrte, die große Sympathien für die
Mu’tazila hegten wie der Hanbalit Ibn ‘Aqīl.
Nach der Zurückdrängung der Mu’taziliten im Irak erlebte die Mu’tazila eine letzte
Blüte in Choresmien mit dem Wirken al-Zamachscharis (gest. 1144).
Allerdings wurde die mutazilitische Theologie bei den jemenitischen Zaiditen und
den Zwölfer-Schiiten noch weiter betrieben.
Ahmad Amin beurteilt die langfristige geschichtliche Entwicklung wie folgt: "Die
Zurückweisung der Mu’tazila war das größte Unglück, das die Muslime traf. Sie
haben damit ein Verbrechen gegen sich selbst verübt.”
Zu den muslimischen Gelehrten der Moderne, die versucht haben, Konzepte der
Mu’tazila wiederzubeleben, gehören Nasr Hamid Abu Zaid in Ägypten und Harun
Nasution in Indonesien.
Quelle: Wikipedia, die freie Enzyklopädie,(http://de.wikipedia.org/wiki/Mutazila)
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