„Einer der Sammelpunkte für die abziehenden PKK-Kämpfer lag gut versteckt
in den unwegsamen Metina-Bergen, im irakisch-türkischen Grenzgebiet
nordöstlich der Stadt Dohuk. In einem kleinen Lager, einige Kilometer vom
geheimen Sammelpunkt entfernt, campierte eine Presseeinheit der PKK. Sie
produzierte Fotos und Filme, die dann über die PKK-Medien verbreitet wurden.
Hier befand sich auch die erste Anlaufstelle für ausländische Reporter.
Geschlafen wird in Zelten. Die Dusche ist im Freien. Das Wasser dafür wird mit
einem kleinen Feuer aufgewärmt. Zu den Mahlzeiten gibt es Früchte, Gemüse,
Reis und manchmal ein paar Stücke Huhn. Beim Küchendienst kommen nach
einem bestimmten Turnus sowohl die Frauen als auch die Männer des Campus
an die Reihe. Sie arbeiten tagsüber zusammen, wohnen aber in getrennten
Zelten. (…)
Nach einigen Tagen im Pressecamp geht es in einem Geländeauto in Richtung
Sammelpunkt der Guerillagruppen. Nach etwa zehn Minuten Fahrt über Schot-
ter- und Erdstraßen hält der Wagen und parkt unter Bäumen. Von hier kommt
man nur noch zu Fuß weiter. Nach einem kurzen Marsch über schmale Berg-
pfade halten wir am Fuße eines bewaldeten Abhangs. Wir warten hier auf
Kommandant Botan und seine Gruppe.
Anfangs waren die PKK-Kämpfer kaum zu sehen. Denn ihre olivfarbenen
Uniformen heben sich fast nicht vom Grün der Bäume und der hoch
wuchernden Disteln ab, die die Hügelkuppe bewachsen. Dann nehmen sie
immer deutlicher Gestalt an, kommen näher wie Glieder einer Kette, die sich
nach unten schlängelt. Die Frauen und Männer schleppen Rucksäcke, Waffen,
Ausrüstung. Am Fuß des Abhangs machen sie halt. Der 34-jährige Botan, der
die Gruppe anführt, ist ein großgewachsener, drahtiger Mann. Bevor er sich der
PKK-Guerilla anschloss, war er passionierter Marathonläufer. Beim Marschie-
ren gibt er seinen Leuten manchmal einen Schritt vor, der nur schwer mitzu-
halten ist. Für Sila war es trotzdem kein Problem.
Zehn Tage lang war sie zu Fuß unterwegs, vor allem nachts, um nicht entdeckt
zu werden. Fast 30 Kilogramm Gepäck hat die etwa 1,60 Meter große Frau
dabei getragen, dazu ihr Sturmgewehr. War der Marsch schwierig? Die 20-
Jährige mit dem schwarzen Haarzopf lacht: „Das war eine normale Operation.
Wir leben hier in den Bergen. Wir sind harte Umstände gewohnt.“ Vier Jahre
lang führt Sila nun schon dieses Leben in den Reihen der „Volksverteidigungs-
kräfte“. In der Türkei hatte ihre Einheit vom Berg Cudi im Länderdreieck Syrien-
Türkei-Irak aus operiert.
„Es hätte schnellere Wege gegeben, um hierher zu marschieren“, erzählt
Gruppenkommandant Botan. „Aber wir mussten Umwege nehmen. Die türk-
ische Armee hat immer wieder neue Stellungen bezogen, die wir umgehen
mussten. Und sie wollten uns aus der Luft ausspionieren.“ Auch jetzt, nach-
dem sie in Metina angekommen sind, verhalten sich die PKK-Kämpfer vorsich-
tig. Zwischen die Bäume haben sie Überdachungen gespannt, die nicht nur
Schutz vor der Sonne bieten, sondern auch vor den türkischen Aufklärungs-
drohnen, die – trotz Friedensprozess – über dem Gebiet kreisen.
Botan und die anderen werden hier nicht lange bleiben. Sie werden sich in den
nordirakischen Grenzgebirgen verteilen, die sie schon seit Jahren kontrollie-
ren, einem Gebiet, das sich entlang der türkischen Grenze bis zum PKK-Haupt-
quartier in den Qandil-Bergen an der iranischen Grenze zieht. Sie werden in
kleinen Gruppen unterwegs sein, oft in Höhlen nächtigen, nie länger als einige
Tage an einem Ort bleiben, so wie in den Jahren, als noch gekämpft wurde.
Zehn Männer und fünf Frauen marschieren in Botans Gruppe. Doch er befiehlt
nicht allein. Es gibt auch eine Kommandantin. Nur von ihr müssen die Frauen
der Gruppe direkte Anordnungen entgegennehmen. Botan stellt klar, dass er
nicht zögern würde, den Kampf in der Türkei wieder aufzunehmen, falls der
Friedensprozess scheitert. Doch er hofft, das es dazu nicht kommen wird: „Der
Friedensprozess ist ein Schritt in die richtige Richtung“, sagt er und streicht
sich über seinen buschigen, schwarzen Schnurrbart.”