Weltfinanzkrise und Bankenrettung
Schmitz: Wie sehr ist die Euro-Krise eigentlich eine Folge der US-Finanzkrise?
Schmitz: Will heißen: Wäre die US-Immobilienblase nicht geplatzt, hätte es
keine Euro-Krise gegeben?
Soros: Das weiß ich nicht. Vielleicht wäre es auch sonst zu einer Krise
gekommen. Fest steht aber: Die Ungleichgewichte innerhalb der Euro-Zone
wurden zum akuten Problem, weil die Finanzkrise zu einer Bankenkrise führte.
Schmitz: Viele Amerikaner sagen, die Währungsunion sei strukturell fehlerhaft
gewesen, es hätte also so kommen müssen. Ihre Argumente über die struktu-
rellen Schwächen kann man ebenfalls so verstehen.
Das stimmt ja auch. Aber diese Schwächen wurden erst durch die
Weltfinanzkrise in so brutale Weise offengelegt. Die Krise traf die
französischen und deutschen Banken besonders hart. Und beide Staaten
wollten umgehend ihre eigenen Banken retten, statt über Politikansätze
nachzudenken, die der Euro-Gemeinschaft geholfen hätte. Berlin und Paris
ging es bei den ersten Rettungspaketen um ihre Bankenlobby, die sich kräftig
verzockt hatte, nicht ums europäische Gemeinwohl.
Schmitz: War nicht eins der Probleme, dass der Euro schlicht überbewertet war
– oder es sogar immer noch ist?
Für Schuldnerländer ist die Währung tatsächlich überbewertet. Für Deutsch-
land aber ist der Kurs zu niedrig, das hat ja das deutsche „Exportwunder“
befeuert. Der Euro hat Europa erst richtig auseinanderdriften lassen. Die
schwächeren Länder konnten auf einmal Geld billiger leihen, was zu einem
Boom führte. Sie – und natürlich auch andere Staaten – kauften viele deutsche
Waren, was in Deutschland zu einem riesigen Handelsüberschuss führte. Und
das Kapital daraus wanderte wieder in die Krisenstaaten, weil es ja angelegt
werden muss, und pumpte dort die Kreditblase auf. Ein Teufelskreis.
Schmitz: Angela Merkel gilt als „mächtigste Frau der Welt“, sie könnte so einen
Prozess wohl aufhalten. Wie beurteilen Sie Ihre Führungsqualitäten?
Ich halte sie für eine äußerst begabte Politikerin. Sie hat ein feines Gespür für
die öffentliche Meinung. Und sie ist so pro-europäisch, dass sie den Euro be-
wahren möchte. Aber sie scheint nicht zu begreifen, dass der Euro nur Mittel
zum Zweck ist. Das viel wichtigere Ziel ist, die Europäische Union zu bewahren.
Der tragischste Aspekt dieser Krise ist ja, dass der Euro – der nur ein Sprung-
bett zu einer tieferen politischen Union in Europa sein sollte – die Gemein-
schaft zerstören könnte.