Immer wieder gab/ gibt es kritische Artikel zu Mutter Teresa, die sich negativ zu
ihrer Person und ihrem Lebenswerk äußern und ihre Heiligkeit in Zweifel ziehen.
Ein Grund dafür ist wahrscheinlich, weil über ihr spirituelles, geistliches Leben
wenig bekannt ist - beziehungsweise es darüber keine Informationen darüber in
den Medien gibt / gegeben hat.
Dabei weiß man seit ihrem Seligsprechungsverfahren, dass die Heilige tiefe
mystische Erlebnisse und Visionen hatte.
Belegt ist dies durch geheime Tagebuch-Eintragungen und Briefe von Mutter
Teresa, die erstmals 2008 in dem Buch „Mutter Teresa, Komm sei mein Licht“
veröffentlicht wurden. Herausgegeben und kommentiert wurde dieses durch Brian
Kolodiejchuk, dem Leiter des „Mother Teresa Center“ in Tijuana/Mexiko
Während des Seligsprechungsverfahrens traten vor allem drei Aspekte des
geistlichen Lebens von Mutter Teresa zutage:
- das Privatgelübde, das sie noch während ihrer Zeit als Ordensschwester in
Loreteo ablegte,
- die mystischen Erfahrungen, in die ihre Eingebung eingebettet war, die
Missionaries of Charitiy (Missionarinnen der Nachstenliebe) zu gründen und
schließlich
- die innige Teilnahme am Kreuz Christi während der langen Jahre der inneren
Dunkelheit.
Über ihr privates oder geheimes Gelübde, das Mutter Teresa ablegte, schreibt ihre
Biographin Christina Siccardi folgendes:
„Mutter Teresa war so sehr in Christus verliebt, dass sie sich wie alle Mystiker-
innen der Kirchengeschichte danach sehnte, mit ihm ans Kreuz geschlagen zu
werden. Schwester Teresas Liebe zu Christus, dem Herrn war so überwältigend,
dass es ihr nicht genügte, die drei ewigen Gelübde zu leben: sie wollte ihnen ein
viertes hinzufügen. Im April des Jahrs 1942 legte sie ein offizielles „Gelübde vor
Gott“ ab, das sie bei Strafe der Todsünde dazu verpflichtete, „ihm alles zu geben,
worum er mich bittet, „ihm nichts zu versagen“: ein Gelübde, über dessen Wortlaut
sie am 1. September 1959 auch Erzbischof Ferdinand Périer in Kenntnis setzte. Sie
wollte Gott ohne jeden Vorbehalt etwas sehr Schönes schenken: alles und insbe-
sondere sich selbst ganz hinzugeben, genau so, wie die Jungfrau Maria es getan
hatte.“ (S.77)
Und Brian Kolodiejchuk ergänzt: „Mutter Teresas Gelübde war eine von der
göttlichen Vorsehung geschickte Vorbereitung auf die Mission, die noch vor ihr
lag. Ihr Versprechen, „Ihm nichts zu verweigern“, zeigte ihre feste Entschlossen-
heit, Gottes Plänen mit ihr keine Grenzen zu setzen. Jesus Seinerseits nahm sie
beim Wort. Vier Jahre später sollte Mutter Teresa einen erneuten Ruf von Jesus
erhalten, der wie ein Echo auf jenes Gelübde klingen sollte, das sie Ihm gegenüber
abgelegt hatte.“ (S.54)
Die „Stimme“ und die Berufung in der Berufung
Wie Mutter Teresas Aufzeichnungen belegen, gehört sie zu jenen christlichen
Heiligen, die persönlichen Kontakt zu Jesus hatten. Das heißt: sie hörte tatsächlich
die Stimme Jesu und führte mit Ihm „vertraute Gespräche“.
Mutter Teresa zweifelte auch nicht im Geringsten daran, dass es Jesus war, der zu
ihr sprach. Trotzdem bezeichnete sie diese Mitteilungen Jesu als die „Stimme“.
Es war im September 1946, als sie die tiefen mystischen Erlebnisse begannen, die
sie später als den Ruf zur Berufung in der Berufung nannte.
Kolodiejchuk schreibt dazu: „Im September 1946 wurde Mutter Teresa, die damals
sechsundreißig Jahre alt war, zu ihren jährlichen Exerzitien und zur nötigen Erhol-
ung in das Loreto-Kloster in Darjeeling geschickt, einer Stadt, die etwa vierhundert
Meilen nördlich von Kalkutta an Ausläufern des Himalaja liegt. Während der Fahrt
mit dem Zug hatte sie am Dienstag, dem 10. September 1946 eine entscheidende
mystische Begegnung mit Christus. Obwohl sie darauf beharrte, die Einzelheiten in
Schweigen zu hüllen, offenbarte sie später:
„(Es) war eine Berufung in der Berufung. Es war ein zweiter Ruf. Es war eine
Berufung, sogar Loreto aufzugeben, wo ich sehr glücklich war und auf die
Straßen hinauszugehen, um den Ärmsten der Armen zu dienen. Es war in
diesem Zug, wo ich den Ruf hörte, alles aufzugeben und Ihm in die Slums zu
folgen – um Ihm in den Ärmsten der Armen zu dienen. … Ich wusste, es war
Sein Wille und dass ich Ihm folgen müsste und es bestand kein Zweifel, dass es
Sein Werk sein würde.
Mutter Teresa betrachtete diesen Tag, der später als „Inspiration Day“ gefeiert
werden würde, als den eigentlichen Beginn der Missionaries of Charity. Im Regis-
ter, in dem die persönlichen Daten der Kongregationsmitglieder festgehalten sind,
vermerkte sie unter ihrem eigenen Namen: „Eintritt in die Gemeinschaft – 10.
September 1946. (…)
Gegen Ende ihres Lebens bestand Mutter Teresa darauf, dass der einzige und
wichtigste Grund für die Existenz der von ihr gegründeten Kongregation es war,
das Dürsten Jesu zu stillen. (…)
Dieses Bibelzitat war es, das für sie zur Essenz und zur Mahnung an ihren Ruf
geworden war. Während sie Schwestern unterwies, klärte sie auf:
„Mich dürstet“, rief Jesus am Kreuz, als Ihm aller Trost genommen war und Er
in absoluter Armut, verlassen, verachtet und gebrochen an Leib und Seele,
starb. Er sprach von Seinem Durst – nicht nach Wasser – sondern nach Liebe,
nach Opfern. Jesus ist Gott: deshalb sind Seine Liebe, Sein Durst unendlich.
Unser Ziel ist es, dieses unendliche Dürsten eines menschgewordenen Gottes zu
stillen. Genauso wie die anbetenden Engel im Himmel unaufhörlich den
Lobpreis Gottes singen, stillen die Schwestern – durch die vier Gelübde der
absoluten Armut, der Keuschheit, des Gehorsams und der Liebe zu den Armen –
unaufhörlich das Dürsten Gottes durch ihre Liebe und mit der Liebe der Seelen,
die sie zu Ihm bringen.“ (S.55ff.)
Die „Eingebungen“ (Lokutionen
) begannen am 10. September 1946 und
dauerten bis Mitte des darauf folgenden Jahres: In der Folge kam es zwischen
CHRISTUS und Mutter Teresa zu einem bewegenden Austausch von großer
Schönheit ....
Anfang Oktober kehrte Mutter Teresa nach Kalkutta zurück, um ihre Pflichten an
der St.Mary’s School wieder aufzunehmen. Sie erzählte ihrem geistlichen Beglei-
ter, dem Jesuitenpater Celeste Van Exem von dem, was sich im Zug und während
der Exerzitien abgespielt hatte.
Pater Van Exem nahm die Angelegenheit sehr ernst und glaubte ihr. Es war jedoch
vor allem Sache ihrer Vorgesetzten ihrer Ordensgemeinschaft und besonders des
Jesuiten-Erzbischofs von Kalkutta, Ferdinand Périer, den Ruf zu prüfen und anzu-
erkennen.
Am 13. Jänner 1947 schrieb Mutter Teresa daher einen Brief an den Erzbischof, in
dem sie in einfachen Worten ganz offen schilderte, was Gott ihrer Ansicht nach
von ihr verlangte. Dieser Brief zeigt, dass sie von Christus ganz konkrete Anwei-
sung bekam über ihre zukünftige Aufgabe und den Orden, den sie gründen sollte,
siehe ...
Der Erzbischof war jedoch nicht sofort von Schwester Teresas mystischen Einge-
bungen überzeugt. Er beantwortete ihre leidenschaftlichen Briefe nicht, ließ nur
ausrichten, dass er Zeit und Gebet brauche, um sich näher mit der Sache befassen
zu können.
Erst am 19. Februar 1947 antwortete ihr Erzbischof Périer erstmals persönlich in
einem Brief, in dem er die Ordensschwester um Geduld bat: „Dies ist eine viel zu
bedeu-tende Frage, die man nicht auf der Stelle oder innerhalb eines Tages oder
eines Monats lösen oder bewerten kann. Es erfordert viel Gebet von Ihrer und auch
meiner Seite, langes Nachdenken und viel Voraussicht, bevor wir uns unseres
gegenwärtigen und zukünftigen Weges sicher sein können!“
Letztendlich dauerte es fast zwei lange Jahre, bis der Erzbischof von der Integrität
Mutter Teresas und ihrer göttlichen Berufung überzeugt war und ihr die Erlaubnis
erteilte, den Loreto-Orden zu verlassen und ihr Ziel, einen Orden für die Armen zu
gründen, weiterzuverfolgen. Am 6. Jänner 1948 sagte er endlich zu ihr nach einer
heiligen Messe im Loreto-Konvent: „Fangen Sie an!“ Nicht ohne ihr noch
folgende Mahnung auf den Weg zu geben: „Versuchen Sie nicht, irgendetwas von
Ihnen selbst bei alldem einzubringen. Sie sind nur Sein Werkzeug.“
Die langen Jahre der “inneren Dunkelheit”
Doch ab diesem Zeitpunkt - als sie endlich dem „Ruf Jesu“ und dem Auftrag, den
er ihr gegeben hatte, folgen konnte - waren auch die mystischen Erfahrungen und
die innige Verbindung mit Jesus zu Ende – und sie erlebte fast ununterbrochen bis
zu ihrem Tod eine „innere Dunkelheit“, die bei Mystikern und Heiligen auch „die
Dunkle Nacht der Seele“ genannt wird (der immer eine besonders tiefe Verbind-
ung / Vereinigung mit Gott vorausgeht), siehe …
Hier eine Zusammenfassung über Mutter Teresas innerem Leiden (das sie stets vor
anderen verbarg) von Brian Kolodiejchuk: „Zu Beginn ihrer „Berufung in der
Berufung“ war sie mit Licht übergossen worden. Die Stimme, die sie gehört hatte,
sprach zu ihr zärtliche Worte der Liebe, durchflutete ihre Seele mit Tröstungen,
und je näher sie zu Ihm hingezogen wurde, desto mehr sehnte sie sich nach Ihm.
Das Licht Seiner Gegenwart wurde jedoch bald verschleiert durch Dunkelheit
Seiner scheinbaren Abwesenheit. So intensiv die Tröstungen waren, so intensiv
war auch die anschließende Verlassenheit. Sie war gerufen, auf bestimmte
Weise am Mysterium des Kreuzes Anteil zu haben, eins zu werden mit
Christus in Seiner Passion und eins mit den Armen, denen sie diente. Diese
Teilhabe führte zu einer tiefen Wahrnehmung des „schmerzvollen Dürstens“ im
Herzen Jesu nach den Ärmsten der Armen.
Die Dunkelheit, die sie erlebte, und in ihren Briefen, aus denen die Stärke und
Schönheit ihrer Seele aufstrahlte, war eine furchtbare und unerbittliche Tortur. In
Heiligenbiographien gibt es dazu fast keine Parallele; lediglich die Erfahrungen
des hl.Paulus vom Kreuz sind in ihrer Länge vergleichbar.
Während ihres Leidenswegs blieb Mutter Teresa ihrem Ruf gegenüber standhaft
und treu; der ihr anvertrauten Mission gab sie sich unermüdlich und freudig hin.
Über den Schmerz hinausgewachsen, von Jesus „ungeliebt und ungewollt zu sein“,
tat sie ihr Äußerstes, um ihre Liebe zu Ihm, dem Geliebten ihrer Seele zu zeigen,
und Ihm durch alles, was sie tat, Freude zu schenken.
Sie suchte ihn in jeder Person, der sie begegnete, ganz besonders in den Ärmsten
der Armen, festhaltend an Seinen Worten: „Was ihr dem geringsten meiner Brüder
getan habt, das habt ihr mir getan.“
Ihre qualvolle Dunkelheit vereinte sie auf geheimnisvolle Art und Weise so innig
mit ihrem gekreuzigten Bräutigam, dass Er zum einzigen „Objekt ihrer Gedanken
und Zuneigung wurde, zum Gegenstand ihrer Gespräche, zum Ziel ihrer Handlun-
gen und zum Modell für ihr Leben.“ Ihre totale Hingabe an Seinen Willen und ihre
Entschlossenheit, Ihm nichts zu verweigern, erlaubte Ihm, durch sie Seine Liebe zu
jedem einzelnen Menschen, den sie traf, zum Ausdruck zu bringen. Es war das
Licht und die Liebe von Jesus selbst, die aus ihr hervorstrahlten – mitten in ihrer
eigenen Dunkelheit – und die einen solchen Einfluss auf andere ausübten.
Durch die bereitwillige Annahme ihrer inneren Dunkelheit wurde Mutter
Teresa zu einer „Heiligen der Dunkelheit“. Der Ruf Jesu: „Komm – trage mich
in die Löcher der Armen. – Komm, sei Mein Licht“ trieb sie an, „sich (selbst) Gott
in den Armen der Slums und auf den Straßen vorbehaltlos hinzugeben.“
Ungeachtet ihres eigenen Leidens war sie für andere da, deren Leiden noch größer
als ihr eigenes zu sein schienen, und brachte das Licht der Liebe Gottes zu den
Hoffnungslosen und den Hilflosen, zu den Ärmsten der Armen. Obwohl sie Jesus
bereits in viele der „dunklen Löcher“ getragen hatte, gab es noch unübersehbar
viele davon. Selbst als ihre Kraft langsam versagte, blieb ihr Geist fest
entschlossen. Sie machte weiter.“
Allerdings ahnte das niemand: “Alle waren jedoch erstaunt, als sie erfuhren, dass
sie annähernd fünfzig Jahre lang in qualvollem Schmerz gelebt hatte, sich in
reinem Glauben an Jesus klammernd. Die ihr am nächsten stehenden Mitarbeiter
waren sich dessen absolut nicht bewusst, wie ihre Nachfolgerin, Schwester
Nirmala, mitteilte: „Ich war seit 1958 mit Mutter und kann bezeugen, dass sich
keiner von uns vorstellen konnte, was Mutter innerlich durchmachte. Äußerlich,
als eine Missionary of Charity, war Mutter voll von Leben. Gott segnete ihr Werk:
„Berufungen stellten sich ein, innerhalb und außerhalb Indiens wurden Häuser
eröffnet, und das Werk erfuhr hohe Anerkennung und Wertschätzung. Und Mutter
musst den Preis dafür bezahlen.“
Aber: Es war nicht das von ihr ertragene Leiden, das sie zu einer Heiligen
machte, sondern die Liebe, mit der sie ihr Leben in all dem Leiden lebte. Sie
wusste, dass jeder mit Gottes Gnade und seiner eigenen Entschlossenheit, zur
Heiligkeit gelangen kann, nicht trotz, sondern gerade wegen des Mysteriums des
Leidens, das jedes menschliche Leiden begleitet. (…)
Mutter Teresas Leben zeigt uns, dass Heiligkeit durch einfache Mittel
erreicht werden kann. Wenn wir damit beginnen zu lieben: die Ungeliebten zu
lieben, die Ungewollten, die Einsamen, die uns am nächsten stehen, in unseren
eigenen Häusern, in unseren Gemeinschaften, in der Nachbarschaft, dann können
wir ihrem Beispiel folgen und lieben, bis es weh tut, indem wir immer ein wenig
mehr tun, als wir bereit sind zu tun.” (Kolodiejchuk*, S.385ff.)
*) Brian Kolodiejchuk, „Mutter Teresa – Komm, sei mein Licht, Die geheimen
Aufzeichnungen der Heiligen von Kalkutta“, 2007, Pattloch Verlag, München